Teuere Zugtaufe statt dringend nötige Bahnhofsinstandhaltungen

Es ist schon traurig, dass die Bahn*) einen riesigen Drang verspürt, mit teuren Marketing-Kampagnen ihr Image aufzupolieren. So war es wohl beispielsweise am gestrigen 19.7.2015 in Grafing am Bahnhof. Da gab es mit großen Trara die Taufe eines roten S-Bahn-Triebwagens ET423 mit dem neuen Schriftzug „Ebersberg“. Hierzu schaltete die Bahn im Vorfeld unter anderem mehrere Anzeigen in Tageszeitungen und erstellte bunte Prospekte, um alle Anwohner der Städte und Dörfer entlang der S-Bahn im Landkreis Ebersberg zu motivieren, an einem großen Online-Voting teilzunehmen, damit einer der Orte dann den Namen als Schriftzug auf einem S-Bahn-Zug erhält.

Das war wirklich ein toller Marketing-Schachzug mit einer „riesigen Resonanz“ beim Bürger, denn laut Zeitungsartikel der SZ Ebersberg unter http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/s-bahn-namensgebung-ebersberg-faehrt-nach-ebersberg-1.2572690 haben in der Sieger-Stadt Ebersberg gerade mal 332 Personen für ihre S-Bahn gevotet, also 2,89 % der rund 11500 Einwohner.

So manchem Bürgern ging das ganze Voting wohl vollkommen am A…. vorbei, weil in Baldham nur 0,38 % und in Vaterstetten gar nur 0,36 % abgestimmt haben. Hier in Zorneding waren es zwar prozentual deutlich mehr, aber eine Beteiligung von nur 85 Bürgern ist ebenfalls alles andere als berauschend. In Summe haben sich in den sieben betroffenen Gemeinden und Städten des Landkreises Ebersberg nicht einmal 1000 Bürger an dieser Aktion beteiligt! Angesichts dieser beschämenden Resonanz ist es wohl kein Wunder, dass sich die Bahn in ihrer heute veröffentlichten Pressemeldung in keinem einzigen Wort über die Anzahl der abgegebenen Stimmen oder über Prozente der Stimmverteilung geäußert hat.

Und als Belohnung für die ganz große Aktion gab es dann wohl gestern am Bahnhof Grafing eine riesige Tauffeier  mit Bahnmanagement, Landrat und manch anderer Prominenz. Im Programmheft für gestern standen dann noch Livemusik von der Band Schée, Kinderschminken, Spaß mit Maskottchen Oli, Besichtigung des Führerstands der S-Bahn und einen Malwettbewerb. Natürlich war wohl auch ein Catering fürs leibliche Wohl bestellt und Besuchern, die den Bahn-Flyer für die Veranstaltung mitbrachten versprach die Bahn auch noch ein kleines Geschenk.

Das alles kostete sicherlich leider einige viele tausend Euro – vielleicht sogar eine üppige fünfstellige Summe! Dieses Geld muss man dann wohl leider an anderer Seite wieder hereinsparen!

In Zorneding wäre ein Teil davon sicherlich gut angelegt gewesen – beispielsweise für
– verlängerte behindertengerechte Handläufe an den Treppenabgängen (die Handläufe enden unten leider direkt über der letzten Stufe und sind so eine Qual für Menschen mit Gehbehinderung)
– einen Abfalleimer am westlichen Bahnsteigbereich zur Rampe hin (den hat man vor Monaten abgebaut und stattdessen unverständlicher Weise im östlichen Bereich zusätzlich einen weiteren Abfalleimer aufgestellt)
– oder eine fachgerechte Beleuchtungsinstallation am Bretterverschlag-Treppenabgang (dort sind die Neonlampen seit mehr als Jahren nur mit Kabelbindern befestigt)

Aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich die Bahn endlich mal für uns Zornedinger erbarmt. Und vielleicht würden solche Fahrgast-freundliche Maßnahmen sogar positiver von uns Bürgern aufgenommen werden als Marketing-Gags wie eine Zugtaufe!!!

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2 Kommentare zu Teuere Zugtaufe statt dringend nötige Bahnhofsinstandhaltungen

  1. Karl-Heinz Bauer sagt:

    Forderung nach Barrierefreiheit stört S-Bahn-Taufe in Grafing

    Barrierefreie Bahnhöfe sind – im Sinne des „Designs für Alle“ – so gebaut und ausgestattet, dass ALLE Reisenden den Zugang zum System Bahn nutzen können. Die ursprüngliche Zielgruppe von Menschen mit langfristigen körperlichen, seelischen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen wurde kontinuierlich ausgeweitet und umfasst heute alle Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, beispielsweise auch Senioren und Kunden mit Kinderwagen, Fahrrädern und Gepäck.

    Diese Definition der DB ist unter http://www.deutschebahn.com/de/geschaefte/infrastruktur/bahnhof
    zu finden. Damit wird die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt, der auch Deutschland beigetreten ist.

    Mit der Realisierung hapert es jedoch. Es lag also nahe, bei der „Schön-Wetter-Veranstaltung S-Bahn-Taufe“ der Forderung nach Barrierefreiheit Nachdruck zu verleihen. Der Verein „Das Alter erleben in Zorneding“ hatte deshalb einen Flyer drucken lassen „Barrierefreiheit bei der Bahn – Theorie und Praxis“ mit Hinweisen auf erhebliche Barriereeinschränkungen und einem Gedicht „Der Bahnhof und die lange Bank von Zorneding“ (s. Tagebuch-eines-Schandflecks vom 19.07.2015 und 25.06.2015).

    Tja, da hatten wir aber die Rechnung ohne den Veranstalter gemacht. S-Bahn-Geschäftsleiter Bernhard Weiser und sein Team haben die Verteilung des Flyers untersagt. Auch die Anbringung des Posters „Pro Barrierefreiheit“ am Zug wurde durch körperlichen Einsatz einer resoluten Dame (menschliche Barriere) verhindert. Proteste würden die Veranstaltung stören. Proteste seien zwar grundsätzlich erlaubt, aber die S-Bahn-Taufe sei eine Veranstaltung der S-Bahn München und für die Barrierefreiheit in den S-Bahn-Stationen sei die DB Station & Service AG (die erhält von der S-Bahn Benutzungsgebühren, wovon in Zorneding kaum etwas ankommt) zuständig. Dort könnten wir protestieren. Toll. Da bleibt der unkundige S-Bahn-Benutzer hilflos zurück.

    Auf dem Einladungsflyer stand doch: DB Bahn – Die Bahn macht mobil. Ergo: Mobilität mit der S-Bahn schon und in der Station nicht? Was nützt dem Rolli-Fahrer bzw. Kunden mit Kinderwagen eine mobile S.Bahn mit dem Namen Ebersberg, wenn es die Verhältnisse auf der Station den Zugang zum System Bahn gar nicht ermöglichen. Aber das sind wohl dumme Fragen. Da fehlt wohl die DB-Firmenkultur.

    Gut, dass Landrat Niedergesäß in seiner Patenrede die mangelnde Barrierefreiheit angesprochen hat. Das konnte S-Bahn-Chef Weiser nicht verhindern. Das wäre auch zu peinlich gewesen.

    Karl-Heinz Bauer, Zorneding

  2. Ursula Kühlbrandt sagt:

    Die zwei Seiten der Bahn

    Zur „Zugtaufe“ in Grafing Bahnhof am vergangenen Sonntag

    Ab 14 Uhr – also vor der der Zugtaufe um 14:30 Uhr – begannen Karl-Heinz Bauer und ich im Namen des Vereins „Das Alter erleben in Zorneding e.V.“ Flyer an die auf dem Bahnsteig versammelten Landkreis-Bürger zu verteilen, die den Text „Barrierefreiheit am Zornedinger Bahnhof“ von mir (siehe „Letzte Beiträge“, 19.07.15) und das satirische Gedicht „Der Bahnhof und die lange Bank von Zorneding“ von Herrn Bauer (siehe „Letzte Kommentare“, bei „Rampenzugang von Parkplatz – Bahn schläft wohl immer noch“) enthielten.

    Weit kamen wir damit jedoch nicht, denn nach kurzer Zeit wurden wir von Angestellten der Bahn gebeten die Verteilung zu unterlassen, da der Inhalt des Flyers nicht zu der Feier passe, sondern diese störe – nach dem Motto: Flyer stören jede Feier! Auf meine Entgegnung, jedes Ding habe zwei Seiten und so sei es auch mit der Bahn – unser Flyer wolle die andere Seite der Bahn zur Sprache bringen und dies sei in einer Demokratie schließlich erlaubt – wurde die Bitte dahingehend eingeschränkt, dass wir mit der Verteilung bis nach der Zugtaufe warten sollten.

    Nach der Taufe wurde uns jedoch mit einem Scheinargument nahegelegt, eine Verteilung ganz bleiben zu lassen: Wir seien bei den Veranstaltern der Feier mit unserem Anliegen an der falschen Adresse, da es sich um eine Veranstaltung der S-Bahn und nicht der Bahn handle. (Als Herausgeber der Einladung zeichnete die DB Mobility Logistics AG Marketing in Frankfurt a. M.!) Wir sollten uns stattdessen an die zuständigen Personen wenden. (Dies war längst geschehen – und zwar erfolglos, siehe Text „Barrierefreiheit…“!) Auch meine Entgegnung, es gehe uns um etwas ganz anderes – nämlich um die Information der anwesenden Bahnnutzer – wurde nicht akzeptiert. So blieb uns nichts weiter übrig, als die restlichen Flyer-Exemplare einzustampfen…

    Ursula Kühlbrandt, Das Alter erleben in Zorneding e.V.

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